Die zweite Türkenbelagerung Wiens von 1683

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Die inneren Motive des Osmanischen Reichs für einen Feldzug sahen die zeitgenössischen Berichterstatter in der Person Kara Mustafa Paschas. Er habe sich allen Widersachern widersetzt. Sein Motiv sah man vor allem in seiner Machtgier und dem Streben nach Ruhm und Reichtum. Weitere Motive sah man in Geldnot, in einer geplanten Schwächung seiner Feinde in der osmanischen Führungsschicht, um damit in der Folge sein Ansehen beim Sultan zu stärken. Die christlichen Beobachter hatten in diese Sache sehr wenig Einblick. Umso größer ist daher das Produkt ihrer Phantasie für die Motive des Kara Mustafa Pascha.

Ein weiteres Faktum für einen Angriff von Kara Mustafa war die vermeintliche militärische Schwäche des Habsburger Kaisers Leopold I. In der Auseinandersetzung mit den rebellischen Ungarn unter der Führung von Thököly, die1682 schon elf Jahre währte, sah der Großwesir die Schwäche der kaiserlichen Truppen, die nicht fähig gewesen waren, mit der Rebellenbewegung fertig zu werden. In Kara Mustafas Augen war zudem Leopolds Armee nicht nur schwar, sondern auch klein. Kara Mustafa Paschas Überlegung, wenn er am Hof in Konstantinopel Schwierigkeiten hatte, sich durchzusetzen, war also klar und simpel: Er könnte einen Nachbar, der in früherer Zeiten gar nicht so wehrlos war, vernichten, und durch einen eindrucksvollen Sieg seine Stärke demonstrieren. Dem Anschein nach war für ihn mit einem solchen Sieg keine Schwierigkeit verbunden. Man hatte mit Kaiser Leopold I. auch schon vorher die Erfahrung gemacht, dass er immer friedenswillig war.

Am 6. August 1682 wurde nur der Feldzug gegen Ungarn beschlossen. Der Fehler Kara Mustafas war, bis nach Wien vorzudringen. Die zeitgenössischen osmanischen Quellen berichten auch nichts über eine Belagerung Wiens, das heißt, dass eine solche Entscheidung erst später getroffen wurde. Erst Ende November/Anfang Dezember gab es Gerüchte, die eine Belagerung Wiens zum Inhalt hatten.

Der Feldzug gegen den Kaiser war sehr wohl bedacht und logisch, eine Belagerung Wiens jedoch nicht. Die Gründe für so einen Schritt waren ebenfalls für Sultan Mehmed IV., der versuchte, seine Stelle in Konstantinopel zu stärken, sehr wichtig. Es wäre ein Übertrumpfen von Sultan Süleyman dem Prächtigen gewesen, der 1529 an Wien gescheitert war. Zugleich wurde aber ein Angriff auf Wien von den europäischen Herrschern als Bedrohung gesehen. Wäre Wien auch vernichtet worden, dann hätten auf jeden Fall die Italiener und die deutschen Reichsfürsten zu den Waffen gegriffen.

Viele Quellen meinten, dass Kara Mustafa Pascha die Stadt nicht erobern wollte – der Löwenanteil der Beute wäre dann nämlich den Soldaten zugefallen -, sondern zur Kapitulation zwingen – damit hätte ihm das Gros der Beute gehört. Deswegen habe man bei der Belagerung nicht mit ganzer Kraft angegriffen, sondern sich auf einen Zermürbungskrieg beschränkt.

Leopold I. versuchte Bündnispartner zu gewinnen, als er merkte, dass der Krieg gegen die Osmanen nicht zu vermeiden war. Eine erste und gleichzeitig die bedeutsamste Vereinbarung wurde mit Polen getroffen, und am 31. März 1683 nahm der Warschauer Reichstag den polnisch-österreichischen Bündnisvertrag an. Am gleichen Tag brach das osmanische Heer von Konstantinopel auf. Papst Innozenz XI. hatte sehr viel dazu beigetragen, nicht nur moralisch-religiös, sondern auch durch Subsidienzahlungen. Weitere Subsidienzahlungen leisteten Savoyen, Toskana, Genua, Spanien und Portugal. Dem Kaiser gelang es, Bayern, Sachsen und den fränkisch-schwäbischen Kreis zur Stellung von Hilfstruppen zu gewinnen.

Der ursprüngliche Plan war es gewesen, in einer Feldschlacht die Entscheidung zu erzwingen. Da die Osmanen aber zu schnell marschierten, musste man umplanen. Der Oberbefehlshaber der Verteidigungskräfte war der Stadtkommandant Feldzeugmeister Ernst Rüdiger Graf Starhemberg. Die alleinige Entscheidungsgewalt blieb bei ihm.

Das Wien, das Kara Mustafa Pascha zu sehen bekam, war ein anderes als zu Zeiten Sultan Süleymans. Ein steter Zustrom von Menschen hatte mehr Wohnraum erfordert. Aus Platzmangel – durch die Stadtmauern beengt – hatte man die Häuser höher gebaut. Die Veränderung der Befestigungsanlagen war ein wichtiges Faktum im kommenden Krieg. Die Ausbesserungsarbeiten daran begannen schon 1530. Man ließ ein Glacis frei zwischen der Innenstadt und den Vorstädtern, das heißt einen Streifen Land, der nicht bebaut werden durfte. Die Hauptträger der Verteidigung sollten eine Folge von Bastionen sein, die aus dem Stadtgraben aufsteigend durch neue Wallanlagen, die Kurtinen, verbunden waren. Die erste Bastion, die bereits 1544 errichtet wurde, war die Prediger- oder Dominikanerbastion. Sie war aber nur mit Bruchsteinen abgemauert, nicht mit Ziegeln, das heißt, im Fall von Artilleriebeschuss musste man mit tödlichen Splittern rechnen.

Neben Starhemberg gab es andere hervorragende Befehlshaber: Wilhelm Johann Anton Graf von Daun (Stellvertreter des Oberkommandanten), Johann Graf von Serényi, Alexander Graf Leslie, Oberst de Souches, Oberst Scherffenberg, Oberst Obizzi, der Kommandant der Stadtguardia Oberst Christian von Börner, Oberstleutnant Johann Martin Gschwind von Pöckstein und den sächsischen Militäringenieur Johann Georg Rimpler. Zusätzlich wurden die Soldaten von etwa 5.000 Mann unterstützt, zusammengesetzt aus Bürgerwehr und Freiwilligen. Die kaiserliche Armee konnte zur Verteidigung der Stadt eine reguläre Truppe in der Stärke von etwa 11.000 Mann aufbieten.

Am morgen des 13. Juli steckte man die Vorstädte in Brand, diesmal auf Befehl Rüdiger Graf Starhembergs, der das Kommando über die Stadt innehatte. Die Türken nützten später während der Belagerung diese Brandruinen als Unterschlupf und Deckung. Am 13. Juli traf Kara Mustafa Pascha beim Neugebäude ein, und ließ Wachen aufstellen, um das prunkvolle Gebäude zu schützen. Seinen eigenen Standort ließ der Großwesir auf der Schmelz, im heutigen 15. Bezirk, errichten. Rein an Kampftruppen umfassten die Osmanen ca. 90.000 Mann ohne Tataren und Tross, mit ca. 25.000 Zelten. Insgesamt umfasste die osmanische Truppe ca. 250.000 Mann. Das Gros des Heeres hatte die Aufgabe, die Festung einzuschließen, als Reserve bereitzustehen, und mit den Tataren zusammen Angriffe ins Hinterland durchzuführen. Der eigentliche Angriff wurde nur von 15.000-20.000 Soldaten durchgeführt, die auf eine spezielle Ausbildung in Grabenkampf und Sturmangriff zurückgriffen. Die Osmanen ließen hauptsächlich Hilfsvölker und gefangene Christen in den Laufgräben arbeiten, da diese immer unter Beschluss waren. Bei diesen Gruppen konnte man sich ihrer Loyalität nicht gewiss sein. Als die Türken die Donauinseln besetzen konnten, beschlossen sie von dort aus die Stadtmauer mit Feldartillerie. Vom 14. Juli an umschlossen die Türken Wien – wie bereits erwähnt – in zwei großen Dreiviertelbögen. Der engere ging von der Weißgerbervorstadt bis zur Rossau und der weitere von Kaiser-Ebersdorf bis Nussdorf. Von einer hermetischen Einschließung war jedoch keine Rede. Zwischen den Lagern gab es viel Niemandsland.

Sowohl für die Belagerten als auch die Belagerer ergab sich ein Problem in puncto Lebensmittelversorgung. Ab Anfang August war die Lebensmittelsituation in Wien wesentlich besser als bei den Osmanen. Die Türken hatten anfangs das Land ringsum verwüstet, und alle Tiere geschlachtet, was sich sehr schnell negativ bemerkbar machte, da man Proviant für Mensch und Tier nun aus einigen Stunden Entfernung heranbringen musste. Die Wiener hingegen bezogen ihre Lebensmittel von Syrmien – wie Kroatien kaisertreu geblieben -, das Lebensmittelkolonnen schickte. Außerdem gab es unternehmende Viehhändler, die große Rinderherden durch die Lücken im Belagerungsring in die Stadt trieben. Auch Weinhändler lieferten Fässer voll Wein. Es gab Feldbäcker im Belagerungsheer, die den Osmanen Mehl stahlen, und es gegen den Wein der Wiener eintauschten.

Am 12. August 1683 wurden nach dem Nachmittagsgebet zwei Minen angezündet. Es ging in die entscheidende Phase der Belagerung. Starhemberg bemerkte das und suchte deswegen zwei taugliche Botengänger, die Karl von Lothringen von diesem Umstand unterrichten könnten. Die Wahl fiel auf Kolschitzky und seinen Diener Stephan Serhadly. Sein türkischer Beiname „Serhadli“ (der Grenzer) weist – ebenso wie seine Ungarischkenntnisse – darauf hin, dass er im Grenzgebiet Türkisch-Ungarns gebürtig gewesen sein dürfte. Am 13. August zogen Kolschitzky und sein Diener los. Am darauffolgenden Tag wurden Raketen vom Stephansdom abgeschossen, als Zeichen, dass die Botengänger sicher wieder heimgekommen waren. Man wollte Kolschitzky für weitere Kurierdienste einspannen. Dieser wiederholte seinen Botengang jedoch nicht. Der erste Botengang war für ihn ja auch sehr gefährlich gewesen, da er sehr bekannt war, nämlich als der „deutsche Tatar“ bei den Osmanen. Später rühmte sich Kolschitzky seines Wirkens und veröffentlichte einen Bericht über seine Sache in fünf Sprachen. Auch die Osmanen waren sehr gut über die Vorgänge in der Stadt unterrichtet, was heißt, dass Spione in Wien tätig waren. Diese waren bereits vor der Belagerung mit dem Flüchtlingsstrom in die Stadt gelangt.

In der Nacht vom 9. auf den 10. September starb der an Wassersucht leidende Bürgermeister Andreas Liebenberg an der Roten Ruhr. Die Sitzungen des Stadtrates fanden bis zuletzt an seinem Bett statt.

Das Entsatzheer bestand aus sehr erfahrenen Kriegern wie Maximilian Emanuel von Bayern, im Orient als der „blaue König“ bekannt. Er heiratete später die Tochter Leopolds, die Erzherzogin Maria Antonia. Um diese Erzherzogin entbrannte ein Streit, denn der Polenkönig Jan III. Sobieski wollte sie als Frau für seinen Sohn. Dies war nicht möglich, weil sie davor schon Maximilian Emanuel versprochen war. Nach dem Tod von Maria Antonia 1692 vermählte Maximilian Emanuel sich mit der Tochter von Sobieski. Paul Esterházy organisierte die Ungarn. Die alliierte Entsatzarmee war am 9. September von Tulln aufgebrochen. Das Entsatzheer bestand aus 36.800 Mann Infanterie, 30.950 Mann Kavallerie und 152 Kanonen. Die Streitkräfte wurden in drei Gruppen zu 21.000-23.000 Soldaten geteilt. Kara Mustafa Paschas Streitkräfte zur Zeit des Entsatzes umfassten ca. 75.000 Mann. 10.000-15.000 blieben vor der Stadt. Die Entscheidung, das Heer zu teilen, wurde dem Großwesir später vielfach vorgeworfen.

Am 12. September begann die Entsatzschlacht bereits um 5 Uhr in der Früh, nachdem Marco d'Aviano die Messe gelesen hatte, und das Kampfgeschehen unter den Schutz Mariens gestellt hatte. Die Türken leisteten großen Widerstand, mussten jedoch ihre Positionen aufgeben. Die Kaiserlichen hatten anfangs wegen der Geländeformation gedacht, dass der Entsatz einige Tage dauern würde. Den erbittertsten Widerstand leisteten die Osmanen bei Nussdorf und Heiligenstadt. Sobieski griff ins Kampfgeschehen persönlich erst am Nachmittag ein. Die Janitscharen wurden um 5 Uhr nachmittags in den Laufgräben von Ludwig Wilhelm Markgraf von Baden vom Schottentor aus angegriffen, Starhemberg kommandierte zur selben Zeit einen Ausfall gegen sie.

Die Osmanen mussten schließlich flüchten und alles zurücklassen. Die Kriegsbeute fiel zu ungleichen Teilen in die Hände der Entsatzarmee. Jan III. Sobieski nahm vieles aus dem Heerlager Kara Mustafa Paschas mit. Dies ist heute in Warschau zu sehen. Wie bereits erwähnt, konnte Jan III. Sobieski ebenfalls das Archiv des Großwesirs erbeuten, das später leider verloren ging. Was aus der zweiten Belagerung in Österreich verblieb, ist im Historischen Museum der Stadt Wien und im Heeresgeschichtlichen Museum zu sehen.

 

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